Ok, es ist ungewohnt. Traditionell protestieren die Protestanten. Und nicht andere gegen die sie. Aber im Kern sind die Geschehnisse rund um das Christival in Bremen doch ein wahrer Glücksfall. Nicht, dass ich Gewalttätigkeit legetimieren will oder das Verhalten der vermummten Protestierer gutheiße. Aber dass sich Menschen im größeren Stil aufmachen und zum einen ihren Fragen an die christliche Kulturprägung auszudrücken (friedliche Infragesteller) oder aber emotional aufgeladen auf die Barrikaden gehen, weil sie sich nicht ernstgenommen fühlen, dass sind doch letztlich hochwillkommene hygienische Prozesse.
Denn es gibt mindestens drei positive Aspekte:
(1) Christen werden in Zukunft sehr genau überlegen, welche Themen sie sich auf die Fahnen schreiben. Das, was tief in unseren Werten verwurzelt ist, wird auch künftig seinen öffentlichen Ausdruck finden. Aber manches denkerische Relikt, dass wir einfach nur traditionell mit uns herumschleppen, wird sich erledigen. Gut so!
(2) Dass wir in einem Land leben, in dem jeder das Recht auf eine eigene Meinung hat, ist ja letztlich eine Errungenschaft der christlich-abendländischen Kultur. Dass es auf dem Trapez der Meinungsfreiheit bisweilen zu extremistischen Übergriffen kommt, ist bedauerlich und wird hoffentlich angemessen sanktioniert, aber es ist ein prinzipiell positves Signal, wenn sich Menschen mit anderen Meinungen zu Wort melden.
(3) Auch wenn der Protest gegen das Christival es noch nicht in die großen öffentlich-rechtlichen Nachrichten gebracht hat, so kann man doch davon ausgehen, dass er die öffentliche Wahrnehmung dieses Ereignisses intensiviert hat. Und das Zeugnis dass die über 15000 jetzt schon in der Stadt hinterlassen haben, ist ja auffallend positiv. Dass es immer Gruppen gibt, denen Harmonie und Nächstenliebe suspekt sind, ist nicht neu.
Bleiben zwei Wünsche, deren Erfüllung sicher nur mit freiwillig selektivem Medienkonsum möglich wird:
Zum einen sollte der erlebte Protest nicht die christliche Berichterstattung nach dem Christival dominieren, sondern die wirklichen Inhalte des Treffens. Denn “Christus bewegt” und nicht Ideas Verschwörungstheorien.
Zum anderen sollten wir Christen die Einladung annehmen, stärker als zuvor mit Andersdenkenden ins Gespräch zu kommen. So kann aus der Krise eines umstrittenen Seminars eine kommunikative Chance werden…
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