Kreuz & Quer

Fragwürdige bis verräterische Adjektive und andere Alltagsherausforderungen

Posted by: Christopher on: 5. August 2008

Nein, ich habe nichts gegen Adjektive im allgemeinen, denn es macht ja durchaus Sinn, z.B. in einer Wegbeschreibung ein blaues Haus von einem gelben Haus zu unterscheiden. Auch ist mit kalter Kaffee äußerst verhasst, während ich heißen Kaffee liebe. Manchmal mutiert der Gebrauch von Adjektive aber auch. Weg von der detailierteren Beschreibung einer Sache hin zu einem die Sache nicht erhellenden Zugehörigkeitsschlagwort in adjektivischer Hülle.

Aus den 1990er Jahren kennen wir die “bibeltreuen Bibelschulen”, ebenso die “kirchendistanzierten Menschen” und die “natürliche Gemeindeentwicklung”. Am Beginn der neuen Dekade stehen dann eher “relevante Gemeinden”, “emergente Gruppen” und neuerdings auch “missionale” Konzepte oder Events.

Um nicht mißverstanden zu werden. Ich habe keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Ideen und an der begrüßenswerten Motivation  jenseits dieser Begriffe. Ich empfinde umgekehrt sogar mitunter tiefe persönliche Inspiration beim Teilhaben an den Impulsen (OK, nicht bei allen genannten Kombinationen).

Aber es kekst mich zunehmend, aber insgesamt schon ziemlich lange an, dieses vielsagende Gerede über etwas, dass man doch nicht sagt. emergent bedeutet dann eben nicht emergent, sondern ist Synnonym und Metapher für cool, modern beyond postmodern, stylisch oder schlicht “schön ist´s, wo ich bin”.  Missionale Initiativen vermitteln den Eindruck, die kreuzugsbedingte Hypothek und die moralinsaure Begrenztheit (und vielleicht auch die in Deutschland gefürchtete orthografisch-historische Schwäche des enthaltenen “Arischen”) des “Missionarischen” endlich zu überwinden.

Was offenbaren die vermehrt auftauchenden Netzwerke von initiativen Gruppen und Leuten? Sind sie Ausdruck des Zögerns? Oder der Unsicherheit? Sind sie der Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit für begonnene Veränderungen die ein Establishment nicht genügend honoriert? Oder sind sie Ausdruck eines Perfektionismus und eines Machbarkeitswahns, der alle Features vereinen und alle Fehler vermeiden will? Ich spreche hier kein Urteil, sondern frage mich nur! Weil ich meinen Zweifel hier und da nicht unterdrücken kann.

Nun bin ich ja überhaupt nicht gegen Austausch und gegenseitige Inspiration. Ich liebe mein persönliches Netzwerk (individuell und ohne Namen) und profitiere ungemein davon.

Aber ich argwöhne, dass man die Hälfte der Wochenenden eines Jahres auf Konferenzen, Communities und Tagungen herumhängen kann, dass man sich über Jahre mit Labels behängen kann, ohne dass es einen substantziellen Output gibt. Auftrag von “Kirche” (wie immer sie sich nennt) ist doch nicht,  meine intellektuelle, musikalische oder ästhetische (Luxus-)Not in der Auseinandersetzung mit der vorfindlichen Manifestation von Kirche zu wenden sondern soll doch die Not der Hoffnungslosen und Verzweifelten oder Orientierungslosen beenden.     

Ich will mich nicht über meine Mitgliedschaften, über Buttons auf meinem Hemd oder Links auf meinem Blog definieren (auch wenn es dies alles gibt), sondern darüber, dass andere Menschen Tag für Tag Anteil an meiner Hoffnung bekommen.  Und ich will mich nicht abgrenzen, sondern mich zur (zeitweise abstrus facettenreichen) Gemeinschaft der Christus-Nachvolger bekennen, ohne besser als andere sein zu wollen oder Mitmenschen nur zu belächeln…

7 Antworten zu "Fragwürdige bis verräterische Adjektive und andere Alltagsherausforderungen"

Anerkennen muss man aber, dass eine neue Bewegung des Nachdenkens entstanden ist…ob das ganze zur Besserwisserei mutiert, kann man wohl leider vermuten. Aber immerhin…der Christ denkt wieder. :-) Und plappert hoffentlich nicht mehr immer nur nach (was durchaus immer wiederkommen kann).

ist das alles nicht viel profaner, jede neue Generation sucht nach neuen Begriffen um ihr Leben, Glauben, Theologie etc. auszudrücken. Abgrenzung und eigene Idenfikation zeigen sich eben am leichtesten über die eigene Sprache…

@ angela: Zweifelsfrei: Denken hilft. Und das sich etwas regt, finde ich ausgesprochen begrüßenswert.

@toby: Natürlich sucht (und hat) jede Generation eine eigene Sprache. Diese Form der Abgrenzung finde ich auch weitgehend legitim, wenn sie wirklich Neues beschreibt. Ich erlebe aber zunehmend, das nicht neue Begriffe eine tatsächliche Veränderung beschreiben, sondern die Begriffe die einzige Veränderung sind. Und das manche Verfechter dieses bisweilen “vermeintlich” Neuen und Innovativem einfach keinen Bock haben, sich mit den Ideen anderer auseinander zu setzen und lieber in ihrer kleinen Nische operieren. Wenn dieser Dialog schon nicht unter Leuten “eines Sinnes” möglich ist, wie will man dann bitte die Fragen der Suchenden angemessen wahrnehmen?

btw: Habe letzte Woche in Leipzig Shane Claiborne gehört und war sehr inspiriert. Eine seiner Merkposten war: “Lass deine Taten zeigen, wer du bist”. Vielleicht ist das die “Hintergrundmusik” zu meinen Äußerungen…

Tja, die stroherne Epistel feiert ihr Comeback.
Was die Erschaffung neuer Lexeme angeht: M.E. muss man da unterscheiden zwischen ‘echten’ Idiolekten als Lebensäußerung einer neuen Generation, (Neben-)Produkten wahrheitssuchender Lebenskünstler und medienwirksamen Geschöpfen profilierungsgeiler Pseudointellektueller.
Aber wie so oft sind auch hier die Grenzen fließend.

eine anmerkung dazu:

ich glaube, dass neue bezeichnungen perspektivverändernd wirken, neue handlungsmöglichkeiten und lebensweisen eröffnen (positiv wie negativ) und somit eine gewisse daseinsberechtigung besitzen.

gruß, nils

ps. ich gebe dir insg. recht, dass sich hinter manchen phänomenen, nicht das verbirgt, was ihre bezeichnungen erwarten lassen

Wie gesagt: Suspekt sind mir die Adjektive, nicht die Begriffe @ all.

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