Freunde…
Bei intensiverer Auseinandersetzung mit Facebook, Xing und Co. kommt man ja gar nicht drum herum. Man wird zweifellos immer auch mit seiner Vergangenheit in Beziehung gebracht. Viele Kontakte, Freunde und Follower sind eben nicht nur Gestalten des “hier und heute”, sondern bisweilen auch Teil der eigenen Vergangenheit. Und die Chancen, immer tiefer in das “Gestern” einzutauchen, sind (offen gestanden recht unerwartet) möglich geworden.
Als ich mein Abitur machte, wurde mir zum erstem Mal bewusst, dass ich meine Klassenkameraden der Grundschulzeit nicht mehr vollständig erinnern konnte. Bei einigen hatte ich nur noch Namensteile, bei anderen Gesichter und (einstige) Wohnorte vor Augen. Recht schnell verblasste auch die vollständige Erinnerung an die spätere Realschulklasse, wogegen der Abiturjahrgang auch nach 20 Jahren noch relativ gut präsent ist. Komisch…
Spannend finde ich heute, die Geschichten von Freunden nachzuzeichnen. Welchen privaten und beruflichen Wege wurden eingeschlagen, welche Stationen passiert, wo sind fortlaufende Entwicklungen zu sehen, wo manchmal dramatische Brüche und Veränderungen? Eine der spannendsten Frage ist dabei oft, was geblieben ist. Wo hat sich heute etwas verdichtet oder manifestiert, was vor all den Jahren mal vollkommen offensichtlich, mal allenfalls latent ausgeprägt war. Wo ist der rote Faden, der die Persönlichkeit eines Menschen erkennen lässt und wo sind einstige Pläne und Visionen nur Schall und Rauch gewesen.
Die Uhr lässt sich nicht zurück drehen und eine allzu nostalgische Betrachtung des Vergangenen ist dann eher nicht mein Ding (zumindest nicht länger als ein sentimentales Bier lang). Und auch ist klar, dass all die “Freundschaften” im engeren Wortsinn keine mehr sind, auch, wenn jede spontane Wiederbegegnung ein ausgesprochen freudiges Erleben sein kann, so kann ich die Intensität des vergangenen Moments nicht einfach fortsetzen. Ich merke vielmehr, dass ich schon mit der “heavy rotation” des aktuellen Freundeskreises (der natürlich nicht klar zu umreißen ist, sondern allenfalls eine gefühlte Größe ist) an meine Grenzen komme, weil ich allzu oft meinen eigenen Ansprüchen diesbezüglich nicht Genüge tue.
Und doch bedeuten mir diese Erinnerungsmomente irre viel. Kein Mensch würde sich für all die Geschichten interessieren (außer sorgsam dosiert) , aber mir geben diese ungezählten verrückten Geschichten immer wieder Anregungen, Impulse, Erklärungen oder einfach Rückenwind in aktuellen Vorhaben oder Situationen.
Und damit verweist in letzter Konsequenz jedes Ereignis über sich hinaus. Und das, ohne fortsetzbar, rückholbar oder im Ganzen verfügbar zu sein. Das bringt mich am Ende auf den durch und durch religiösen Gedanken, dass “Zeit” nur eine vorübergehende Erfindung, quasi eine “Brückentechnologie” ist…