Christophers Senf…

…zur Lage der Nation. Ich bin weder amerikanischer Präsident noch sonst ein Politiker (und will auch nicht dazu werden), aber es reizt mich doch, ein paar Beobachtungen und Gedanken zur aktuellen Situation in unserem Land zu teilen.

  1. Es gibt (unendlich) viele unbewältigte Herausforderungen
    Auch, wenn uns diese Tage in unserem Land suggerieren, es gäbe nur noch eine „Bedrohung durch kriminelle Flüchtlinge“ in unserem Land, gibt es eine Unzahl an ungelösten Baustellen. Und die Erfahrung lehrt, dass in unserem Kulturkreis die übergroße Mehrheit davon sehr zufriedenstellend bewältigen werden wird. Mit Umsicht, Geduld und Gelassenheit.
    Hysterie dagegen hat noch nie dazu beigetragen, gute Lösungen zu finden. Sie führt vielmehr zu einer Problemtrance, aus der heraus jede Lösung in weite Ferne rückt. Und in der Regel besteht die Kunst der Politik (übrigens unabhängig von der aktuellen Stimmung in der Bevölkerung) im geschickten Multitasking. Nur wer die Summe der Herausforderungen in Richtung von Lösungen voran bringt, dient seinem Land. Das Beispiel der Piratenpartei zeigt eindrücklich, dass Ein-Themen-Parteien keine Zukunft haben.
  2. Die demokratische Kultur steht auf dem Spiel
    In der Tat wird aktuell mit der politischen Kultur unseres Landes „gezockt“. Allzu oft werden auf der Suche nach schnellen Lösungen die Werte unseres Landes „mit dem Bade ausgeschüttet“. Für die „innere Sicherheit“ opfert man relativ achtlos Freiheitsrechte. Dass die innere Sicherheit weitaus mehr von einem wachsenden Misstrauen der Bürger gegen ihren Staat bedroht ist, als durch (sowieso nicht 100%ig auszuschließenden) Terror, ist wohl zu komplex für manche Mandatsträger.Auch im Miteinander der Parteien droht man mit „Beobachtung durch den Verfassungsschutz“ oder einer „Klage beim Bundesverfassungsgericht“. Und vergisst dabei, dass die Stärke unserer Verfassung ja eigentlich gerade darin liegt, dass die Gewalten geteilt sind und unabhängig voneinander agieren. Und das Parlament soll diskutieren, aus These und Antithese neue Sichtweisen finden. Und entsprechend Gesetze auf den Weg bringen, die die Rahmenbedingungen für die Zukunft schaffen. Was unsere Verfassung bedroht, ist Aufgabe für die Judikative, nicht Dauerthema der Legislative.
  3. „Getting Things done“…
    …scheint mir der richtige Apell in diesen Tagen zu sein. Dass das Ziel unseres Redens und Handelns das ist, Dinge zu realisieren, statt sie zu verhindern, oder uns daran zu profilieren.
    Wem nützt die Häme, wenn ein dringend benötigter Flughafen nahe der Hauptstadt wieder mal länger braucht, die Armee mit Materialproblemen kämpft oder die Bahn mal wieder zu spät kommt?
    Ich jedenfalls fände es geil wunderschön, wenn wir eine Nation wären, in der jeder sein bestes gibt, um Probleme zu lösen und Zukunft zu realisieren. Wenn dein Besser-Wissen Know-How beim Flughafenbau den BER retten könnte, erzähl es dem Bauherren, und nicht der Bildzeitung. Wenn du ein Meister der Komplexität von begrenztem Budget und notwendiger Investition bist, nutze dein Potential und übernimm Verantwortung in einem „Himmelfahrtskommando“ als Change-Agent bei RWE, Deutsche Bahn oder BAMF.

 

„Man kann nicht Charakter und Mut schmieden, indem man Initiative und Unabhängigkeit lähmt…“

(Abraham Lincoln)

 

Weihnachten 2015

Ich sitze neben unserem Weihnachtsbaum. Er duftet wunderbar (weil wir immer noch Blaufichte und keine Nordmanntanne kaufen), meine Frau hat ihn wunderbar geschmückt, die Lichterkette, die wir schon seit vielen Jahren ersetzen wollen, verrichtet klaglos ihren Dienst und es sammeln sich langsam die Geschenke unter den Zweigen. In einer Stunde fahren wir zur Christvesper. Soweit, so vertraut.

Meine Gedanken schweifen. Zu den Menschen, die sich etwas ganz anderes von diesem Jahr erhofft hatten. Zu den Menschen, die heute Nacht in beengten und nicht allzu privaten Verhältnissen verbringen. Für viele von ihnen das vielleicht erste Weihnachten ihres Lebens. Vielleicht ohne, dass sie die Bedeutung des Festes überhaupt interessiert.

Es ist nicht, was wir tun können, was Weihnachten ausmacht. Beim ersten Mal hat niemand damit gerechnet. Na ja, die drei Fremden vielleicht. Aber für fast alle war es eine Überraschung.

Vieles heute ist keine Überraschung mehr. Selbst die Beschenkten ahnen ja oft, womit sie beschenkt werden. Viele bekommen, was sie sich gewünscht haben. Einfacher Deal. Wider die großen Enttäuschungen.

Und ich? Was ist mein tiefster Wunsch in diesem Jahr? Ich gebe zu, das Jahr lässt mich verunsichert zurück, wie selten eines zuvor. Darum wünsche ich mir nicht weniger als Erleuchtung. Für mich, für die Mitmenschen für Situationen und Entwicklungen. Möge uns ein Licht aufgehen, das uns klarer sehen lässt. Das uns hoffen lässt. Das unsere Sehnsucht nährt. Jesus bekam zu Weihnachten vor allem Namen geschenkt. Immanuel zum Beispiel. Gott mit uns. Das wär´s doch! In diesem Sinne. Hoffnungsvolle Weihnacht!

Süßes! Oder Saures! – Gedanken zum Reformationstag

Vorweg: Auch, wenn ich keine Kürbisse geschnitzt habe: Ich brauche am 31.10. keinen Vorrat an „Lutherbonbons“ oder Reformationstagtraktaten und gefeiert wird an diesem Tag bei uns weder der Reformationstag noch Halloween.

Als Gelegenheit zum Nachdenken und Gedenken eignet sich der Reformationstag allerdings schon. Und das mache ich ebenso, wie ich freundlich zu den kleinen Monstern bin, die uns an diesem Tag „heimsuchen“.

Für was steht der Reformationstag für mich? Wir erinnern an den Thesenanschlag Martin Luthers im Jahr 1517, der zum „Tipping-Point“ der Reformation wurde. Luther, der Mönch, der der Kirche Gehorsam und Unterordnung gelobt hat, bricht aus seinem Gelübde aus, weil sein Gewissen ihm große Not macht und er den Geschehnissen in der Kirche nicht angepasst schweigend folgen kann. Er findet Freiheit in seiner Unfreiheit. Sein persönlicher Ausbruch findet Resonanz und wird zu einer Eruption weit größeren Ausmaßes. Luthers Thesen werden zum Sprachrohr einer bis dahin schweigenden Schar an Skeptikern und Rom-kritischen Akteuren auf der politischen Bühne.

Heute erinnern wir uns (gerne) an die (notwendige) Infragestellung der kirchlichen „Tradition“ (als zweite Säule der Lebensorientierung), die Luther in seinem „Sola scriptura“ zum Ausdruck  gebracht hat. [Nebenbemerkung: Heute kann einen bisweilen halloweenmäßig gruseln, was manche Christen aus diesem „Schriftprinzip“ alles konstruiert haben, was nichts mehr mit der Intention Luthers zu tun hat, der freien Meinungsäußerung (im Sinne der Systemkritik) einen Weg zu bahnen.]

Was wir (gerne) ausblenden, sind die „Kosten“ dieses Aufbruchs. Neben der Kirchenspaltung sind uns (vielleicht) die Opfer des Bauernkrieges vor Augen. Aber selbst, wenn uns diese Kosten „vor Augen“ sind, so können wir kaum angemessen beziffern, was sie bedeutet haben und bis heute bedeuten. Luther selbst waren die direkten Folgen seines Handelns durchaus greifbar. Und er war nicht stolz darauf, welche negativen Folgen sein Ausbruch hatte. Dies blieb ihm zeitlebens ein Stachel im Fleisch, obwohl sein Aufbruch als solches für ihn alternativlos war.

Wenn wir bis heute erhebliche Anstrengungen als Kirchen und Gemeinden darauf verwenden müssen, ein gemeinsames christliches Zeugnis in unserer Gesellschaft zu vermitteln, wenn es uns in großem Maße Disziplin und Energie abfordert, uns zwischenkirchlich mit Respekt und Anerkennung der Unterschiedlichkeit zu begegnen, dann sind dies eben auch Nachwirkungen einer Trennung. [Und noch eine Nebenbemerkung: Diese Energie können wir nicht durch Ignoranz einsparen. Dauerhafte Ignoranz führt (geschichtlich besehen) zwangsläufig zur eigenen Bedeutungslosigkeit.]

Also bleibt es dabei: Handeln wie Nicht-Handeln hat immer Folgen. Damit müssen wir leben. Darum braucht es Umsicht, einen Reformationstag angemessen zu würdigen. Ob man ein so ambivalentes Ereignis nach knapp 500 Jahren „feiert“, bleibt jedem selbst überlassen. Dass der 31. Oktober ein Gedenktag der Freiheit ist, bleibt unbenommen. Und dieses Gedenken der Freiheit führt (für mich) zum Kern des Evangeliums. Es ist die „Gute Nachricht“ eines Gottes, der jeder Art der Unfreiheit, der Unterdrückung oder der menschlichen Willkür den Kampf ansagt. Und die Geschichte der Menschheit kennt kein Beispiel, wo Unfreiheit auf Dauer von Bestand war. Und jede Revolution Reformation beginnt mit einer gewonnenen inneren Freiheit.

Süßes! Oder Saures!

Zehn Erlebnisse auf der Gamescom 2015

Zehn Erlebnisse auf der Gamescom 2015

„Wenn du dir nicht sicher bist, probier es aus.“ hat mal irgendein weiser Mensch gesagt und so habe ich den Selbstversuch gewagt und einen (halben) Tag auf der Gamescom 2015 in Köln verbracht. Der wahre Hintergrund war, dass mein Sohn darauf fieberte, dort zu sein und […] wir waren dort.

gamescon

1.) Erfahrung Kölner Nahverkehr: Ein irres System. Negativ gemeint. Erst Automaten, die nur Münzen und die „Geldkarte“ (hihi) akzeptieren, keine Scheine oder sonstiges. Mit Tickets, die im Zug entwertet werden. Ein paar Meter weiter dann eine Option mit Geldscheinannahme. Dafür 150% des Preises für die gleiche Strecke. Egal, wir wollten ja nur vom Hbf zur Messe, also Tickets gekauft und rein in den Zug. Und wieder raus, weil diesmal das Ticket unten in der Unterführung entwertet werden muss. Gerannt, aber den Zug knapp verpasst. Immerhin: Es kam gleich der Nächste.

2.) Erfahrung No-Ticket-Bereich: Da die Tagestickets für die Gamescom schon Tage bzw. Wochen vorher restlos ausverkauft waren, war die einzige Chance ein Nachmittagsticket vor Ort. Die Einzige Chance? Mitnichten. Normale bis höchst zwielichtige Gestalten baten dem aufmerksam Wartenden ihre Dienste an. Zwischen 40 und 60€ wollten sie für einen Tagespass haben, manche mit dem Angebot einer Begleitung durch den Eingangsbereich („falls Sie an der Gültigkeit zweifeln“), andere zeigten nicht mal das Ticket vorher. Selbstredend, dass ich nicht einem Menschen, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch nie eine Gamescom besucht hat, das Ticket nicht zeigt und keinerlei Versprechen macht, dann doch eher mit Verzicht begegne.

3.) Erwartungsmanagement Erwähnte ich schon, dass der Warteplatz für Menschen ohne Ticket auf einem schattenlosen Parkplatz lag. Bei ca. 35°C kein besonders erfreulicher Ort. Dann die Durchsage: Ab 14 Uhr sei – vorausgesetzt genug Leute würden die Messe bis dahin wieder verlassen – mit dem Verkauf der Nachmittagstickets zu rechnen. Die Uhr zeigte 12:20 Uhr. Das versprach ja ein entspanntes Sonnenbad. Kaum war der Gedanke gedacht, kamen Mitarbeiter, die Getränkepackungen verteilten. Niemand hatte offenbar die Absicht, trockenes Dörrfleisch durch die Messe zu schleusen. Eine äußerst erfreuliche Geste. Kaum war der halbe Liter ausgetrunken, wurde auch schon die erste Gruppe von Ordnern „abgeführt“. Dann wieder dieselbe Ansage wie schon zuvor. Vielleicht würden sie die Wartenden nach kurzem Vorglühen im Parkhaus einlagern, war mein Gedanke. Um 12:45 Uhr galt die neuerliche Aufforderung dann meiner Gruppe. Nix da Parkhaus. Direkt zur Kasse, so dass wir um 12:54 Uhr bereits die Messehallen betreten konnten. Sehr gutes Erwartungsmanagement.

4.) Out of Zielgruppe: Ich habe schon manche Messe besucht. Nirgends war es voller und lauter. Nicht auf der „You“, nicht auf der „IAA“. Und meine erste Einschätzung: „Wenn hier 40.000 Leute sind, gehörst du zu den 100 Ältesten.“ Gut, am morgen noch das Hemd gegen das lässig bedruckte T-Shirt getauscht zu haben. Das machte es definitiv leichter😉

5.) Hände hoch und Laut = Giveaways: Von Halle zu Halle das gleiche Bild. Frenetisch schreiende Leute mit erhobenen Händen, ganz ohne einen bühnenreifen Auftritt, sondern meist nur mit einem bemühten Anheizer. Was also war dort zu erwarten? Ein Stargast, eine Rock-Band oder eine Welturaufführung? Weit gefehlt! Meist schlicht Bonbons, Sonnenbrillen, Schlüsselbänder oder T-Shirts. Das Konzept hielt sich erstaunlich. Es gab offenbar unendliche Mengen dieser Giveaways. Und manche der Gamer vor Ort haben sich so den SSV in der Schildergasse erspart. Und: Ja, ich habe auch ein T-Shirt abgestaubt. Groß genug bin ich ja…

6.) Orientierung: Offen gestanden: Es war eher eine erhebliche Orientierungslosigkeit, die sich meiner bemächtigte. All meiner analytische Kompetenz zusammen genommen erschloss sich bis zu unserem Gehen nicht, nach welchen Gesichtspunkten hier was wo zu finden war. Wahrscheinlich war alles ganz klar, aber für mein vier Jahre altes Smartphone gab es halt keine passende App😉.

7.) Verkleidungen: Ein echtes Highlight waren die vielen verkleideten, Verzeihung, kostümierten Leute. Vermutlich alles ausgesprochen populäre Charaktere aus den TOP-Spielen, ich indes habe niemanden ohne Hilfe irgendwo zuordnen können. Wobei es die Damen etwas besser hatten als die Männer. Denn ihre Kostüme waren definitiv luftiger. Großer Respekt vor den ritterlich Gewandeten oder den Sonderkommandos in voller Kampfmontur, die ihren Körper garantiert kurz vor die Kernschmelze gebracht haben. Dafür zieren sie nun (für eine digitale Zeiteinheit) die Selfies der sich mit ihnen Ablichtenden.

Übrigens: Als ich einen martialisch Bewaffneten befragte, wie viele Kontrollen oder blöde Fragen er auf dem Weg zur Messe über sich ergehen lassen musste, berichtete er erfreut über gelassene Ordnungshüter und erstaunliche Akzeptanz.

8. Leidensbereitschaft: Dem Nicht-Wissenden sei kurz erklärt: Bei den besonderen Baller-Games galt es natürlich, sie zu spielen. Einschließlich altersspezifischer Ausschlüsse. Um dies auf einer öffentlichen Messe zu organisieren, hatte jeder größere Messestand auch Bereiche, die den Blicken der Allgemeinheit verborgen blieben. Davor wurden auf interessante Weise Wartebereiche organisiert. Die Warteschlangen begannen meist an der Vorderseite der Stände (mit dem irritierenden Hinweis, dass es ab hier nur noch zwei Stunden Wartezeit bräuchte), schlängelten sich dann auf der Rückseite der Stände am Hallenrand schneckenförmig, um dann auf der anderen Seite des Standes wieder zum Einlass zu gelangen. Wirklich englische Verhältnisse. Purer Frieden und ungezählte leer getrunkene Energy-Drinks und 3l Cola Flaschen. Klar, dass die Profi-Gamer platzsparende Stühle dabei hatten… Ebenso klar, dass ich diesen Selbstversuch ausgelassen habe!

9. church games und Gameschurch: Ein paar nachdenkliche Erlebnisse gab es auch. So präsentierte sich die kirchliche Jugendarbeit der (vermutlich) evangelischen Kirche aus Köln und Umgebung mit einem (rein analogen) Menschenkicker. Church games, wie man sie kennt. Immerhin: Auch an diesem Stand fanden sich viele Menschen ein und das Spielfeld war gut gefüllt. Und es hat ja auch einen Wert, neben dem analogen Essen auch das analoge Spiel auf einer Gamescom zu würdigen. Allerdings zeigt dies zugleich auch eine (digitale) Sprachlosigkeit. Denn Kontrastprogramm ist eben kein wirkliches Einlassen auf Menschen mit anderen Bedürfnissen. Dies kam dann ganz unverhofft an einem (eher unscheinbaren) Stand der Gamechurch. Ich hielt das zunächst für ein Spiel, dass sich eben freizügig an sakraler Sprache bedient. Ich wurde eines Besseren belehrt und fand aktive Gamer, die Glauben auf ihre Weise entstaubt haben und ihrer Sehnsucht Ausdruck verliehen haben.

10. Ach ja, die Spiele: Klar, das ich als erklärter Nicht-Gamer keine Ahnung von Trends und dergleichen habe. Das, was ich (eher vom Hörensagen her) kenne, hat sicher wieder eine neue Versionsnummer oder Episode bekommen. Mir nicht so wichtig. Aber: Ich anerkenne die phantasiereiche und schöpferische Leistung der Game-Designer. Viele Spiele haben eine sehr hohe Ästhetik und sind in vielfacher Hinsicht faszinierend. In Kombination mit den technischen Möglichkeiten von curved Screens,unglaublichen Auflösungen und vielfältigen Steuerungskonzepten eine echte Inspiration. Und wenn man die Skills, die Menschen für jedes einzelne Spiel zu entwickeln vermögen mal wahrnimmt, dann ist das auch ein Statement in Richtung unserer (oft ignoranten) Spießbürgergesellschaft: Eure Welt ist uns zu klein, zu eng, zu phantasielos. Wenn das mal kein „Deja vu“ auslöst…

Begeistert und entsetzt…Kommentar zur Entwicklerkonferenz WWDC und den Berichten darüber

Nein, ich bin kein Apple Hasser. Besitze sogar seit einiger Zeit ein iPad und mache so meine Erfahrungen. Gestern habe ich auch mal im Livestream von der Apple-Entwicklerkonferenz vorbeigesehen und mir die Pläne für die nächste Betriebssystemversion meines Gerätes näher bringen lassen. Und ja, ich bin fasziniert über die Art und Weise, wie Apple arbeitet. Dass sie es verstehen, Regeln zu brechen und ganze Märkte umzukrempeln. Dass sie schöne Produkte hervorbringen und mit Emotionen Karussell fahren. Ich bin fasziniert.

Nachdem ich gesehen hatte, was mich interessierte, bin ich meiner Wege gegangen und habe heute morgen dann eine Handvoll journalistische Berichte über das Event gelesen. Unter anderem bei Spiegel-Online, Heise, Golem und T3n.

Was mich dabei verblüfft: In den Berichten über das Ereignis wird nicht beschreibendes Vokabular verwendet, sondern Apple-Vokabular. Es wird häufig nicht über einen Entwicklerkongress berichtet, sondern über WWDC-Neuheiten. Selbstverständlich ist da von Siri, der Apple-Watch oder iOS9 die Rede, und nicht etwa von einem digitalen Sprachassistenten, einem Handgelenk-Computer oder einer Betriebssystemversion für Mobilgeräte. Das hat sicher mit dem zu tun, was ich eingangs als faszinierend beschrieben habe. Die Fähigkeit von Apple, Dinge neu zu definieren.

Allerdings entsetzt mich, wie schlampig hier Journalisten mit der gebotenen Distanz zum Berichteten umgehen. Die Videobeiträge sind teilweise unkommentierte Apple-Produkt-Videos, und manch ein Berichterstatter versteigt sich (ohne Analyse) zu steilen Prognosen, wie ein neues Produkt die Konkurrenten in die Krise reiten wird.

Jetzt weiß ich, was mich an diesem Apple-Hype so ärgert. Nicht die manchmal durchaus beeindruckenden Produkte, sondern die devote Berichterstattung darüber.

Gar nicht so einfach mit der Vielfalt… (Teil 1)

spätiNeulich in Marburg:

Ein Kioskbesitzer ärgert sich über „moralisch unvertretbare“ Berichterstattung“ in der Bildzeitung und will das Springer-Produkt aus seinem Sortiment verbannen. Im studentischen Marburg erfährt das Ansinnen viel Respekt und der „Bild-Boykott“ macht den Kiosk zu einer kleinen Berühmtheit, auch über Marburg hinaus.

Ich habe diese Nachricht mit Schmunzeln und Verständnis aufgenommen, habe ich mich doch auch (z.B. im Zusammenhang mit dem Germanwings-Absturz) manches Mal über die üblen Schlagzeilen der Bild-Zeitung geärgert. Meine Empfindung: Ja, warum nicht mal eine fragwürdige Zeitung boykottieren. Also: Sympathie für den Kiosk.

Dann die faustdicke Überraschung. Der Zeitungsgroßhändler fordert den Kiosk auf, die Bild weiter zu verkaufen, weil der Boykott einer Zeitung gegen die gesetzlichen Regeln und zugleich gegen den Liefervertrag verstoße. Kein Kiosk habe das Recht zur Zensur seiner Presseprodukte.

Das wusste ich auch noch nicht, dass nicht der Kiosk, sondern „ein neutraler Großhändler“ über das Zeitungssortiment einer Verkaufsstelle entscheidet. Aber die Begründung leuchtet mir durchaus ein. Ausgewogenheit in der Presselandschaft ist ein hohes Gut. Auch wenn man dann manchmal Print-Grütze ertragen muss. Und ich merke, dass ein Nicht-Kauf-Boykott etwas anderes ist als ein Nicht-Verkauf-Boykott.

Nun ist mir – ehrlich gesagt – die Bildzeitung trotzdem gar keinen eigenen Blog-Beitrag wert. Aber diese kleine Story aus Marburg hat mich sensibilisiert. Nämlich dafür, wie schwierig es tatsächlich ist, Vielfalt auszuhalten oder gar zu leben. Wie schnell bin ich dabei, meine eigene Meinung, Sicht oder Einstellung zu wichtig zu nehmen und wie schnell werde ich zum Zensor? Vor allem auch dann, wenn ich nicht nur „Konsument“, sondern auch „Händler“ bin.

Tatsächlich fordert mich das in dieser Begebenheit „Gelernte“ heraus, mehr Dialog, mehr Kontroverse, mehr Unterschiedlichkeit zu wagen, bzw. zuzulassen. In meiner eigenen Denke besser zuzuhören und auch eigentlich Unerwünschtes wertzuschätzen (nicht um der Position, aber um der Freiheit willen). Aber auch bewusst dem Gegensätzlichen, den Kontrasten Raum geben.

Kurzum: Vielleicht ist es an der Zeit, das Eitele „Das geht (ja mal) gar nicht“ endgültig auszumustern.

t.b.c.

Ich war wohl acht Jahre alt…

Ich war wohl acht Jahre alt…

…als ich unter dem Slogan „vor vierzig Jahren“ zum ersten Mal mit dem Thema Nationalsozialismus in Berührung kam. Unsere Eltern waren einmal in der Woche abends unterwegs und mein Bruder und ich nutzen die unbeaufsichtigte Zeit für einen Fernsehabend. Ich kann mich nicht erinnern, was vom Programm her die beiden(!) Alternativen waren, aber wir blieben öfters mal an den Dokumentationen oder Spielfilmen über das „dritte Reich“ und den „zweiten Weltkrieg“ hängen.

Sicher nicht altersgerecht, aber dafür umso eindrücklicher sah ich irgendwann auch einen Film, der schlicht „Holocaust“ hieß. Bis heute erinnere ich mich an einzelne Szenen und Geräusche daraus. Interessanterweise keine albtraummäßigen Erinnerungen, wie die nach dem ersten Horrorthriller, sondern Erinnerungen geerdeter Abscheu. Abscheu und Verachtung für das, was darin zu sehen war, gleichzeitig aber auch ein Bewusstsein, dass die Antagonisten im Film eigentlich „zu uns“ gehörten.

Und so entstand (freilich nicht über Nacht), im Zusammenspiel mit den fragmentarischen Erzählungen der Eltern von ihren Erinnerungen aus ihrer Kindheit (und späteren geschichtlichen Recherchen) mein persönliches Wertesystem im Blick auf (Un-)Menschlichkeit, Verantwortung(slosigkeit) und politisches Handeln(Versagen) im „Dritten Reich“. Ein Koordinatensystem, dass mit (wenig schmeichelhaften) Updates immer wieder einer kritischen Überprüfung stand hielt, und mich nachhaltig gegen Nationalstolz, totalitäre Systeme und Populismus immun gemacht hat und Werte wie Demut, Verantwortlichkeit und Skepsis hervorgebracht hat.

Heute gedenken wir an die Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz durch die Rote Armee am 27.01.1945. Dankbarkeit dafür, dass Menschen diese unfassbare Unmenschlichkeit überleben konnten und Befreiung erleben durften. Dankbarkeit für ein Ereignis, dass dazu geführt hat, das ganze Maß an Grauen und Schuld überhaupt richtig wahrnehmen zu können. Aber auch und vor allem ein Tag des Trauerns um die 6 Millionen Menschen, die einer menschenverachtenden Ideologie, die dem Nationalsozialismus (neben all den Kriegstoten) zum Opfer gefallen sind.

Und so wird dieser 27. Januar auch(!) zu einem Tag, an dem wir ganz genau hinsehen sollten, welche Parolen in unserem Land schon wieder in den Straßen ausgerufen werden. Wir müssen aufmerksam werden, dass da schon wieder ein Nationalismus in tausenden Köpfen entsteht, der in diesem Land einfach keinen Platz haben sollte und wir sollten wahrnehmen, dass in aller Öffentlichkeit die Religion einer Minderheit an einen Pranger gestellt wird.

Lasst uns also vernehmbar reden über das, was vor 76 Jahren in unserem Land seinen Anfang nahm und was die Welt in ihre größte Katastrophe geführt hat. Damit wir aus Geschichte lernen, und sie nicht (in Variationen) wiederholen.